Wenn die verbotene Liebe einen hohen Preis fordert

Nicole Steyer stellte der GOS ihren Roman „Das Haus der verlorenen Kinder“ vor / Traurige Schicksale der „Deutschenkinder“ gewürdigt

Es ist eine dramatische Geschichte, die Nicole Steyer unter ihrem Pseudonym Linda Winterberg in ihrem Roman „Das Haus der verlorenen Kinder“ ihren Zuhörern aus den Jahrgangsstufen E und Q 1 im Atrium des Eltviller Gymnasiums darbietet. Darin geht es um die beiden Freundinnen Lisbet und Oda, die sich im kriegsgeschüttelten Norwegen des Jahres 1941 in die falschen Männer verlieben – in deutsche Soldaten. Ihre verbotene Liebe fordert einen hohen Preis, und die beiden jungen Frauen verlieren alles, was ihnen lieb ist. Ausgerechnet bei den deutschen Besatzern scheinen sie Hilfe zu finden, doch dann wird Lisbet von ihrer kleinen Tochter getrennt. Erst lange Zeit später findet sich ihre Spur – in Deutschland. Die Idsteiner Autorin versteht es virtuos, eine dramatische Geschichte um zwei junge Frauen in Norwegen im Zweiten Weltkrieg zu schildern, deren Schicksal bis in die Gegenwart reicht.

Dass ihre Romanhandlung einen realen Hintergrund hat, wurde den Schülern spätestens im zweiten Teil der Lesung deutlich. Steyer berichtete, dass während der Besatzungszeit in Norwegen ca. 12000 sogenannte „Deutschenkinder“ geboren wurden. Die Frauen, die sich mit den Besatzern eingelassen hatten, waren in den Augen ihrer Landsleute Verräterinnen. Oftmals verloren sie jegliche soziale Unterstützung und wandten sich hilfesuchend an die SS-Organisation „Lebensborn“. Deren Ziel bestand darin, das Wachstum jenes Bevölkerungsteils zu steigern, den man gemäß NS-Ideologie für „rassisch“ besonders wertvoll hielt. Da man die Norwegerinnen zur „nordischen Rasse“ zählte, erhoffte die SS sich mit ihrer Hilfe eine „Aufnordung“ der Deutschen. Der Lebensbornverein bezahlte die Unkosten für den Unterhalt der in Not geratenen Frauen und brachte sie in Heimen unter.

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungszeit waren die „Deutschenmädchen“ und ihre Mütter zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. Diese gipfelten in massiven Übergriffen und der zeitweiligen Errichtung von Internierungslagern, in denen sie eingesperrt wurden. Erst 1986 erließ die norwegische Regierung ein Gesetz, das es adoptierten Kindern ermöglichte, nach ihren Eltern zu forschen. Viele hatten bis dahin ihre wahre Herkunft nicht erfahren. Das lag auch an den einstmaligen Besatzern, die Herkunft und Identität der Kinder, die sie in Deutschland zur Adoption freigegeben hatten, oftmals bewusst vertuscht hatten. Nicole Steyers Verdienst besteht darin, die traurigen Schicksale der Lebensborn-Kinder vor dem Vergessen bewahrt zu haben.

Lothar Wiesemann(Text)

Gregori Weber (Fotos)

31.1.2018