Sie wollte ihre Ziele mit Waffengewalt durchsetzen

Jugendliteraturpreisträger Alois Prinz brachte Zehntklässlern das Leben von Ulrike Meinhof näher / „Schizophrene Person“

Ein solch hochdekorierter Autor wie Alois Prinz kommt nicht alle Tage an den Wiesweg. Nach gut vierjähriger Abstinenz war es am vergangenen Freitag indes mal wieder so weit: Der mit dem deutschen Jugendliteraturpreis und dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnete Schriftsteller präsentierte der Jahrgangsstufe 10 seine Biografie der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof.

Ihr Titel „Lieber wütend als traurig“ verweist bereits auf ein Leitmotiv der früh ohne Eltern aufwachsenden jungen Frau. Bereits während ihres Studiums der Psychologie engagierte sich die im Krieg aufgewachsene Meinhof an der Universität Münster gegen eine damals realistisch erscheinende Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen. Durch ihre politischen Aktivitäten, u.a. im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), lernte sie den Herausgeber der linksradikalen Zeitschrift „Konkret“, Klaus Rainer Röhl, kennen. Bereits 1960 wurde Ulrike Meinhof Chefredakteurin von „Konkret“. In ihren Artikeln wandte sie sich gegen ehemalige Nazis, die in der jungen Bundesrepublik teilweise wieder Karriere machen konnten, und gegen die von Adenauers Regierung geplanten Notstandsgesetze. Ende 1961 heiratete sie Röhl. Bald wurden sie zum linken Glamour-Paar der jungen Republik. Als Röhl eine Affäre mit einer anderen Frau hatte, verließ sie ihn und zog mit den gemeinsamen Kindern nach West-Berlin, wo sie Anschluss bei der linken außerparlamentarischen Opposition (APO) fand. Dort lernte sie auch Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen, die im April 1968 in einem Frankfurter Kaufhaus einen Brandsatz gelegt hatten und dafür zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Meinhofs Wandel zum steckbrieflich gesuchten „Staatsfeind Nummer 1“ vollzog sich nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders, an der sie mitwirkte. Sie ging in den Untergrund. Ihre Kinder ließ sie bei Freunden verstecken. Sie wurden später heimlich nach Sizilien gebracht.

Zu Beginn der 70er-Jahre ließen sich die Mitglieder der „Baader-Meinhof-Gruppe“ in einem jordanischen Lager für den Kampf als Stadtguerillas ausbilden. Nach ihrer Rückkehr folgten Banküberfälle. Im April 1071 erschien ein von Ulrike Meinhof verfasstes Strategiepapier der Gruppe mit dem Titel „Konzept Stadtguerilla“. Fortan nannte sich die Gruppe „Rote Armee Fraktion“ (RAF).

Nachdem die RAF 1972 mehrere Sprengstoffanschläge verübt hatte, ging Ulrike Meinhof den Fahndern im Juni des gleichen Jahres ins Netz. Im April 1974 wurde sie in die Strafvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim verlegt, wo auch Baader und Ensslin einsaßen. Während des Prozesses bemühte sich Meinhof, ihre Taten politisch zu rechtfertigen. Dies brachte ihr den zweifelhaften Ruf ein, „Stimme der RAF“ zu sein. Noch vor dem Ende des bundesweit beachteten Prozesses, am 9. Mai 1976, wurde sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Alois Prinz ließ durchblicken, dass er von dem noch heute von ehemaligen RAF-Mitgliedern gepflegten Mythos, staatliche Killerkommandos hätten Meinhof und ihre Mithäftlinge ermordet, nichts hält. Ulrike Meinhof habe keinen anderen Ausweg gesehen als sich selbst zu richten: „Sie war gescheitert und hätte wahrscheinlich bis zu ihrem Lebensende im Gefängnis gesessen.“

Für Prinz war sie eine „schizophrene Person“, die einerseits liebevolle Briefe an ihre Kinder schrieb, andererseits revolutionäre Schriften verfasste, die an Menschenverachtung kaum zu übertreffen sind.

Was motiviert einen prominenten Autor, sich mit einer Person wie Ulrike Meinhof intensiv auseinanderzusetzen? Der Münchener gab darauf eine klare Antwort: „Ich will verstehen, wie jemand so wird.“ Und stellte abschließend klar: „Verstehen heißt nicht verzeihen.“

Lothar Wiesemann(Text)

Gregori Weber (Fotos)

29.1.2018