Wenn Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln

Nikola Huppertz stellte ihr Buch „Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel“ vor / Fünftklässler standen Schlange, um Autogramme zu ergattern

„Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel“: Was soll man von einem Buch halten, das einen solch langen Titel trägt? Das dachten sich vielleicht auch einige der rund 120 Fünftklässler, die zur zweiten Lesung der in Hannover lebenden Autorin Nikola Huppertz im Rahmen des Lesefests in das Atrium des Eltviller Gymnasiums gekommen waren. Eventuell aufkommende Bedenken wurden allerdings bereits im Keim erstickt. Zu sehr überzeugt die spannende Geschichte um den Protagonisten Wenzel, der von seinen Eltern in das Kaff Hinkelsen zu seinem merkwürdigen Onkel Nikolai, einem Schriftsteller, abgeschoben wurde, während die Eltern den im Preisausschreiben gewonnenen Malediven-Urlaub genießen.

Zu Beginn der Handlung fragt sich Wenzel noch, was er eigentlich in diesem gottverlassenen Ort soll. Rasch wird ihm klar, dass Onkel Nikolai ihn nur seiner Mutter zuliebe aufgenommen hat und eigentlich gar nichts mit ihm anzufangen weiß. Doch Wenzels Interesse am schriftstellernden Onkel ist rasch geweckt, als dieser sich verplappert und von seiner „Ideenkammer“ erzählt – seinem Arbeitszimmer, in dem er über seinem neuesten Roman brütet. Da Nikolai den Jungen nicht freiwillig in seine Ideenkammer hineinlassen möchte, verschafft sich Wenzel eigenmächtig Zutritt und begegnet einer zum Leben erwachten Romanfigur seines Onkels: dem Geheimkommissar Strupp. Mit diesem nimmt er die Verfolgung des gefährlichen Räubers Kawinski auf - einer weiteren Romanfigur, die sich auf wundersame Weise verselbständigt hat. Welche Rolle im weiteren Verlauf des Geschehens eine Fußball spielende Prinzessin namens Melinda sowie das Suseldrusel spielen, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Nikola Huppertz´ Geschichte bietet spannende Unterhaltung, was man auch ihrem Publikum anmerkte. Aufmerksam folgten die Fünftklässler den Ausführungen der Autorin und stellten der Hannoveranerin Frage um Frage. Dabei bekannte die Schriftstellerin, dass sie sich zunächst mit ihrem Stoff schwer getan habe: „Ich wollte ein neues Buch schreiben, hatte aber keine Idee. Dann dachte ich mir: Ich schreibe eben im Notfall ein Buch über einen Schriftsteller ohne Ideen.“ Daher heiße der Schriftsteller im Roman – ihrem Namen nicht unähnlich- Nikolai.

Dass Nikola Huppertz´ Buch bei den Fünftklässlern durchaus Anklang gefunden hat, zeigte sich auch nach der Lesung: Die übergroße Mehrheit der Schüler umringte die Autorin, um noch ein Autogramm zu ergattern, und am Stand der Bücherstube Lauer gingen Wenzels Abenteuer weg wie warme Semmeln.

Text: Lothar Wiesemann

Fotos: Jannik Kuhlmann