Ein „kleiner Tsunami“, der das Alte wegspülte

Rezitator Gerd Berghofer besuchte Jahrgangsstufe Q 3 des Gymnasiums Eltville / Expressionistische Lyrik im Mittelpunkt

Keiner weiß so anschaulich und begeisterungsfähig von dem Jahrzehnt zwischen 1910 und 1920 zu erzählen, das heute als Expressionismus bekannt ist, wie er:  Gerd Berghofer, fränkischer Rezitator und Edgar Allan Poe-Liebhaber, besuchte zum wiederholten Male das Gymnasium am Wiesweg. Seinen Auftrag, der Jahrgangsstufe Q 3 kurz vor dem Abitur noch wichtige Erkenntnisse zur Lyrik des Expressionismus zu vermitteln, meisterte der gebürtige Nürnberger, wie man es von ihm gewohnt ist, mit Bravour.

Seinen Parforceritt durch die expressionistische Lyrik begann der Rezitator mit einem Blick auf die politische Situation, der die Lyriker zwischen 1910 und 1920 ausgesetzt waren. Im wilhelminischen Kaiserreich, dessen Monarch „an Körper und Seele verkrüppelt“ gewesen sei, „lag das Säbelrasseln in der Luft“, betonte Berghofer. Der Rüstungswettlauf zwischen dem Deutschen Reich und England beförderte eine aggressive Grundstimmung, die nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers im Juni 1914 eskalieren sollte.

Neben der Angst vor einem drohenden Krieg einte jüngere Literaten wie Jakob van Hoddis, Georg Heym, Ernst Toller und Georg Trakl v.a. die Kritik an den als spießbürgerlich empfundenen Vätern sowie das Erschrecken vor der Anonymität der Großstädte. Da sich expressionistische Schriften durch eine außerordentliche stilistische Vielfalt auszeichnen, ist die Bezeichnung der Epoche allerdings bis heute umstritten: „ Wir bringen den Expressionismus nicht in einer Schublade unter“, betonte Berghofer. Allerdings habe die Autoren ein entsprechendes „Wir-Gefühl“ geeint, das in einem zumeist sozialkritischen Kontext gediehen sei. Von seiner Wirkung gleiche der Expressionismus jedenfalls einem „kleinen Tsunami“, der viel Altbekanntes weggespült habe.

Exemplarisch für den bei Expressionisten häufig zum Ausdruck kommenden Vater-Sohn-Konflikt ist der Lebenslauf von Jakob van Hoddis (1887-1942). Gepeinigt durch den strengen Vater, musste er zunächst heimlich schreiben, ehe er mit seinem 1911 veröffentlichten Gedicht „Weltende“, in dem er u.a. die Auswirkungen des  technischen Fortschritts und den drohenden Weltkrieg thematisierte, seinen Durchbruch feiern konnte. Kurz danach begann sich sein Charakter zunehmend zu verändern. 1912 wurde bei van Hoddis eine Schizophrenie diagnostiziert. Von da an ging es für ihn steil bergab. Er durchlief zahlreiche Krankenanstalten, wusch sich nicht und wechselte die Kleidung nicht mehr.  Tragisch mutet das Ende des Lyrikers an. Van Hoddis, dessen Name heute fast vergessen ist, wurde 1942 von den Nationalsozialisten im Vernichtungslager Sobibor ermordet.  

Bereits seit 1911 war van Hoddis mit dem schlesischen Lyriker Georg Heym (1887-1912) befreundet. Heym, der auf Druck des Vaters Jura studierte, musste das ihm verhasste Referendariat abbrechen, da er eine Grundbuchakte voreilig vernichtet hatte. Mehr als 500 Gedichte schrieb der emsige Lyriker, darunter auch die metapherngeladene Versapokalypse „Der Krieg“ (1911). Dass sein Leben bereits mit 24 Jahren beendet wurde, hatte mit einem tragischen Unfall beim Schlittschuhlaufen auf der Havel zu tun. Heym verunglückte, als er seinen eingebrochenen und ertrinkenden Freund Ernst Balcke retten wollte. Wie auch van Hoddis hegte der „früh Vollendete“ bis zuletzt erheblichen Groll gegen seinen Vater: „Was hätte aus mir für ein Dichter werden können, wenn ich nicht so einen schweinernen Vater gehabt hätte.“

Exemplarisch für die oftmals stiefmütterlich behandelte Gattung des expressionistischen Dramas steht Georg Kaiser (1878-1945), dessen Stück „Die Bürger von Calais“ erstmals 1917 in Frankfurt am Main aufgeführt wurde. Kaiser, der zu seinen Glanzzeiten im Berliner Hotel „Esplanade“ residierte, starb 1945 völlig verarmt in der Schweiz. Sein verschwenderischer Lebensstil ist in einem interessanten Briefwechsel mit seinem Verleger Gustav Kiepenheuer dokumentiert, von dem er wiederholt Vorschüsse einforderte.   

Bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs avancierte Else Lasker-Schüler (1869-1945) zur führenden deutschen Expressionistin. Als sie 1912 als 43-Jährige den 17 Jahre jüngeren Gottfried Benn (1886-1956) kennen und lieben lernte, widmete die zweifach Geschiedene ihrem jüngeren Freund eine Vielzahl von Liebesgedichten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste die Deutsch-Jüdin emigrieren. Ihr abenteuerlicher Lebensweg endete in Palästina, wo sie nach einem Herzanfall 1945 starb. Benn, Autor des Gedichts „Kleine Aster“ (1912), sympathisierte zunächst mit dem Nationalsozialismus, wandte sich aber nach 1934 von Hitler ab und erhielt 1938 von den Nazis Schreibverbot. In der Bundesrepublik sollte er mit seinen „Statischen Gedichten“ (1948) zu einem bedeutenden Vertreter der literarischen Moderne avancieren und 1951 den Georg-Büchner-Preis erhalten.

Lothar Wiesemann

02.02.2017