„Es muss um Menschen gehen, nicht um Märkte“

Ein Computerspiel stürzt Europa ins Chaos: Tobias Elsäßer präsentierte seinen Thriller „One-die einzige Chance“ / Sein Anliegen: Suche nach einer gerechteren Welt

Samuel Pinaz´ Leben scheint perfekt zu sein. Gerade erst hat der junge Mann erfolgreich sein Abitur abgelegt. Doch als der Sohn eines erfolgreichen Mathematikers von Hongkong nach Frankfurt aufbricht, gerät er in einen Albtraum. Das Land hat sich dramatisch verändert. Eine politische Revolution ist ausgebrochen. Deutschland befindet sich im Ausnahmezustand. Demonstranten legen das öffentliche Leben lahm. Handynetze brechen zusammen. Ein bestialischer Mord durchkreuzt seine weiteren Reisepläne. Doch damit nicht genug: Der 19-Jährige macht die Bekanntschaft der undurchsichtigen Fabienne. Sie gehört zu einer Protestbewegung, die das europäische Finanzsystem mit einer Revolution in die Knie zwingen möchte. Als ein weiterer Mord geschieht, begreift Samuel, dass sein Vater das nächste Opfer des Killers zu werden droht….

Mit seinem atmosphärisch dichten Thriller „One-die einzige Chance“ versetzte Tobias Elsäßer die Zehntklässler und die E-Phase in Hochspannung. Mit seinem Werk will der Autor, der mit seinem Roman „Abspringen“ 2010 das Kranichsteiner Literaturstipendium erhalten hat, eine Botschaft aussenden – nämlich die, dass eine gerechtere Welt durchaus möglich sei. Dies illustrierte er mit folgendem Beispiel aus dem Alltag: Jeder solle sich doch selbst einmal fragen, wo und unter welchen Bedingungen die gerade gekauften Jeans eigentlich angefertigt wurden. Wolle man sein Gewissen erleichtern, könne man dann zum Beispiel auf fair gehandelte Produkte umsteigen.

Nach der Lesung musste sich der 43-Jährige unter den Augen von Lesefest-Initiatorin Sabine Stemmler zahlreichen Fragen stellen. Könne er sich vorstellen, dass sich die Situation in Europa tatsächlich so verschlechtere? Elsäßer bejahte dies unumwunden: „Europa macht heute einen Rückschritt nach dem anderen.“ Denke er beispielsweise an die hohe Jugendarbeitslosigkeit in zahlreichen europäischen Ländern wie Griechenland, Spanien und Italien, befalle ihn regelrecht Angst vor der Zukunft: „Es muss um Menschen gehen, nicht um Märkte. Was wäre los, wenn es Solidarität unter den Jugendlichen in Europa gäbe?“, fragte er sein Publikum in Anspielung auf Fabiennes Initiative in „One“. Es sei dringend notwendig, die Welt gerechter zu gestalten. Andernfalls seien die Flüchtlinge, die letztes Jahr nach Deutschland kamen, nur Vorboten weit heftigerer Migrationsströme. Manche Staatsoberhäupter hätten dies noch nicht begriffen.

Text: Lothar Wiesemann

Fotos: Jannik Kuhlmann