„Ich wollte nie Bücher schreiben“

Tobias Elsäßer stellte Siebtklässlern seinen Roman „Wie ich einmal fast berühmt wurde“ vor / Eindrucksvoller Blick hinter die Kulissen der Casting-Shows

Für Erik scheint gerade alles prima zu laufen. Schließlich trennt ihn nur noch eine Unterschrift von seinem Traum, Popstar zu werden. Er weiß: Diese Boygroup ist die Chance seines Lebens – auch wenn er eigentlich seine eigene Musik machen wollte. Denn der mysteriöse Anrufer mit ausländischem Akzent, der sich eines Abends bei ihm meldet, will nur seine Stimme verpflichten, da die Mitglieder seiner frisch gecasteten Boyband „Call us“  nicht singen können. Als er Eriks Verwunderung bemerkt, gibt er ihm kurz Nachhilfe in Sachen Pop-Business: „Verpackung ist glänzend. Rest unwichtig. Schau dir Charts an. Überall schöne Gesichter ohne eigene Schwingbänder.“ Lange zögert Erik nicht. Was ist denn so schlimm daran, die Stimme von „Call us“ zu sein? Doch nachdem er den Vertrag unterschrieben hat, bemerkt er rasch, dass die Musikbranche noch einige weitere Fallstricke zu bieten hat. Um auszusteigen, ist es da allerdings bereits zu spät.

Tobias Elsäßer weiß, was es bedeutet, auf der Bühne zu stehen. In den 90ern stand er mit seiner gecasteten Band zwei Jahre bei Sony unter Vertrag und schaffte es bis in die VIVA-Charts. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den Siebtklässlern im Atrium des Eltviller Gymnasiums eine gespannte Stille ausbreitet, als er von seinen zumeist negativen Erfahrungen im Showbusiness zu sprechen beginnt. Er habe es seinen Eltern zeigen wollen, dass er es in dieser Branche schaffen könne, so der sympathische Autor. Doch die Realität sei bedrückend gewesen. Von über 300 Auftritten, die er in zwei Jahren absolviert habe, seien ganze drei live gewesen. Ihm sei es ganz ähnlich wie Erik ergangen. Zuerst habe er vier Jungs seine Stimme leihen sollen, von denen kein einziger singen konnte. Als einer dieser Schauspieler ausgefallen sei, sei das seine Chance gewesen, offiziell Teil der Boygroup zu werden. Reich sei er dabei allerdings keineswegs geworden. Den Löwenanteil des Geldes verdienten die Manager und die Sendeanstalten. Auf Dauer sei es ihm auch immer schwerer gefallen, sich den rigiden Vorschriften der Plattenverträge zu beugen. So sei es ihm tatsächlich verboten gewesen, mit seiner damaligen Freundin offiziell aufzutreten. Er sei dann heimlich mit ihr ins Kino gegangen. Auch seine Klamotten habe man ihm vorgeschrieben. So lautete dann auch sein Fazit am Ende der ersten Lesung des diesjährigen Lesefestivals am Wiesweg: „Eine Boyband ist ein Produkt, mit dem alle möglichen Leute schnell Geld verdienen wollen. Aber die Halbwertszeit dieser Gruppen beträgt heute maximal sieben Monate.“ Auf Dauer davon leben könne man als Künstler jedenfalls nicht.  

Text: Lothar Wiesemann

Fotos: Jannik Kuhlmann