Vom „Aufmarsch der Wahrhaftigen“ in dunkler Zeit

Rezitator Gerd Berghofer besuchte Jahrgangsstufe Q 3 des Gymnasiums Eltville / Expressionistische Lyrik im Blickpunkt

Er ist schon fast ein alter Bekannter: Gerd Berghofer, wortgewaltiger Rezitator aus dem Frankenland, besuchte zu Beginn des neuen Jahres die angehenden Abiturienten des Eltviller Gymnasiums, um ihnen die expressionistische Lyrik näher zu bringen – ein Thema, das auch im Landesabitur relevant sein könnte.  

Der gebürtige Nürnberger, der derzeit u.a. an einer Geschichte der Juden in seiner Heimatstadt Georgensgmünd arbeitet, begann seinen durchweg packenden Vortrag  mit einem Blick auf die politische Situation, der sich die expressionistischen Lyriker zwischen 1910 und 1922 stellen mussten. Im wilhelminischen Kaiserreich „lag das Säbelrasseln in der Luft“, betonte Berghofer. Der Rüstungswettlauf zwischen dem Deutschen Reich und England beförderte eine aggressive Grundstimmung, die nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers im Juni 1914 eskalieren sollte. Neben der Angst vor einem drohenden Krieg einte jüngere Literaten wie Jakob van Hoddis, Georg Heym, Ernst Toller und Georg Trakl v.a. die Kritik an den als spießbürgerlich empfundenen Vätern sowie das Erschrecken vor der Anonymität der Großstädte. Da sich expressionistische Schriften durch eine außerordentliche stilistische Vielfalt auszeichnen, ist die Bezeichnung der Epoche allerdings bis heute umstritten: „ Wir bringen den Expressionismus nicht in einer Schublade unter“, betonte Berghofer. Allerdings habe die Autoren ein entsprechendes „Wir-Gefühl“ geeint, das in einem zumeist sozialkritischen Kontext gediehen sei. Die Expressionisten hätten in dem Bewusstsein gelebt, in einer dunklen Zeit den „Aufmarsch der Wahrhaftigen“ anzuführen.

Exemplarisch für den im Expressionismus häufig zum Ausdruck kommenden Vater-Sohn-Konflikt ist der Lebenslauf von Jakob van Hoddis (1887-1942). Gepeinigt durch den strengen Vater, musste er zunächst heimlich schreiben, ehe er mit seinem 1911 veröffentlichten Gedicht „Weltende“, in dem er u.a. die Auswirkungen des  technischen Fortschritts und den drohenden Weltkrieg thematisierte, seinen Durchbruch feiern konnte. Umso tragischer mutet das Ende dieses seit 1912 an Psychosen leidenden Lyrikers an. Van Hoddis, dessen Name heute fast vergessen ist, wurde 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.   

Bereits seit 1911 war van Hoddis mit dem schlesischen Lyriker Georg Heym (1887-1912) befreundet. Heym, der auf Druck des Vaters Jura studierte, musste das ihm verhasste Referendariat abbrechen, da er eine Grundbuchakte voreilig vernichtet hatte. Mehr als 500 Gedichte schrieb der emsige Lyriker, darunter auch die metapherngeladene Versapokalypse „Der Krieg“ (1911). Dass sein Leben bereits mit 24 Jahren beendet wurde, hatte mit einem tragischen Unfall beim Schlittschuhlaufen auf der Havel zu tun. Heym verunglückte, als er seinen eingebrochenen und ertrinkenden Freund Ernst Balcke retten wollte. Wie auch van Hoddis hegte der „früh Vollendete“ bis zuletzt erheblichen Groll gegen seinen Vater: „Was hätte aus mir für ein Dichter werden können, wenn ich nicht so einen schweinernen Vater gehabt hätte“, äußerte er in seinem Tagebuch.

Auf eine ganz andere Weise als Heym sollte der Lyriker Ernst Stadler (1883-1914) den Tod finden. Noch ehe er seine Professur in Toronto antreten konnte,  starb der gebürtige Elsässer auf dem Schlachtfeld. Gerade erst als Freiwilliger in den Krieg gezogen, gehörte Stadler im September 1914 zu den ersten Gefallenen. Unvergessen ist sein Gedicht „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“.

Auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges starben auch der Kleist-Preisträger Reinhard Sorge (1892-1916) und der „Arbeiter-Dichter“ Gerrit Engelke (1890-1918). Letzterer hatte wie durch ein Wunder vier Jahre an der Front gedient, ohne ernsthaft verwundet zu werden. Ehe man ihn in den Stab versetzen konnte, starb er buchstäblich in den letzten Kriegstagen im Oktober 1918 in britischer Gefangenschaft an den Folgen eines Oberschenkeldurchschusses. Engelkes Gedicht „Stadt“ thematisiert ein Grundmotiv der expressionistischen Lyrik: die Vereinsamung des Menschen in der anonymen Großstadt.

Bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs avancierte Else Lasker-Schüler (1869-1945) zur führenden deutschen Expressionistin. Als sie 1912 als 43-Jährige den 17 Jahre jüngeren Gottfried Benn (1886-1956) kennen und lieben lernte, widmete die zweifach Geschiedene ihrem jüngeren Freund eine Vielzahl von Liebesgedichten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste die Deutsch-Jüdin emigrieren. Ihr abenteuerlicher Lebensweg endete in Palästina, wo sie nach einem Herzanfall 1945 starb. Benn dagegen arrangierte sich zunächst mit den neuen Machthabern und verlegte sich im Laufe der Zeit darauf, die Ästhetik des Hässlichen herauszuarbeiten. Sein Gedicht „Kleine Aster“ bezeugt diese spezielle Vorliebe.

Lothar Wiesemann

13.01.2016