Vom „tausendjährigen Reich“ zum „Trümmerhaufen“ in zwölf Jahren

Jugendliche im Nationalsozialismus -  zwischen Alltag, Verfolgung und Widerstand / Anja Tuckermann stellte der Q 1 faktengesättigtes Werk vor  

Mit einem Besuch der Autorin Anja Tuckermann ist das Lesefest Rheingau-Taunus am Wiesweg in seine nächste Runde gegangen. Die Berlinerin stellte der Q 1 ihr Werk „Ein Volk, ein Reich, ein Trümmerhaufen“ vor. Darin schildert die Autorin das Leben der deutschen Jugend unter dem Hakenkreuz. Zu Wort kommen sowohl verfolgte als auch nicht betroffene und opponierende Jugendliche.

Zu den engagiertesten jugendlichen Gegnern des NS-Regimes zählten die „Edelweißpiraten“, eine Gruppe von Kölner Jugendlichen um die 15-jährige Gertrud Koch, der es in erster Linie um ihre Selbstbestimmung ging: „Wir wollten frei sein, frei wandern und singen können, unsere Kleidung und unser Aussehen selbst bestimmen – alles Wünsche, die unter dem nationalsozialistischen Regime undenkbar waren.“ (Tuckermann, S. 114) Sie setzten der NS-Parole „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, mit der die Einheit der „Volksgemeinschaft“ beschworen werden sollte, ihren eigenen Kampfruf entgegen: „Ein Volk, ein Reich, ein Trümmerhaufen“.  Mit couragierten Flugblatt-Aktionen u.a. am Kölner Hauptbahnhof gerieten die „Edelweißpiraten“ zunehmend ins Visier der Gestapo, und es kam, wie es kommen musste: Gertrud und ihre Freunde wurden verraten, und ihr gelang nur mit Mühe die Flucht zu einer Bauernfamilie im Allgäu.

Das politische Engagement der „Edelweißpiraten“ oder auch anderer Gruppen wie beispielsweise der „Swingjugend“ darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die meisten Jugendlichen kaum möglich war, sich dem NS-Regime zu entziehen. Fast alle Heranwachsenden wurden in den NS-Jugendorganisationen erfasst, wo sie in erster Linie gehorchen und marschieren mussten. Im Vordergrund stand hierbei die Einordnung in eine Kameradschaft, nicht Freundschaft und Verständnis unter Einzelnen. So wurden oftmals auch Freundschaften unter Kindern von Erwachsenen bewusst zerstört, wenn sie in einer Gruppe bemerkt wurden. Die beiden Freunde mussten sich dann einen „Watschenkampf“ vor dem versammelten Zug liefern – dabei ohrfeigten sie einander wechselseitig so lange, bis einer der beiden zu weinen begann. Das bedeutete oft auch das Ende der Freundschaft.

Das Ziel der NS-Jugendorganisationen bestand darin, ein Kameradschaftsgefühl zu fördern, um die Jugend auf den Kriegsfall vorzubereiten. Anja Tuckermann schilderte ihren Zuhörern anschaulich, wie den Nationalsozialisten dies durch die Einführung verbindender Symbole und Liedtexte bei einem Großteil der Jugend gelang. Die Folgen sind bekannt. 1945 lag das „tausendjährige Reich“ in Trümmern.     

Text: Lothar Wiesemann

12.11.2015