Lesefest-Finale am Wiesweg: Rüdiger Bertram stellte dem Jahrgang 7 seinen Roman „Kinderknast“ vor / Beeindruckende Reisebilder aus Manila zeigen Realitätsgehalt des Werks   

Eigentlich wollte Jonathan lediglich ein paar Stunden ohne seine Eltern durch Manila spazieren. Schließlich spricht er die Sprache. Doch dann gerät der 13-jährige Deutsche plötzlich in ein übles Viertel, wird ausgeraubt und landet im Knast. Hier ist er nicht alleine: Hunderte von Manilas Straßenkindern bevölkern das Gefängnis. Jeder vegetiert hier vor sich hin. Jonathans Pech: Keiner glaubt ihm, dass ein furchtbarer Irrtum passiert ist, und niemand scheint ihm helfen zu können. Fortan ist er ausschließlich damit beschäftigt zu überleben. Das beginnt bereits beim Mittagessen. Marlon, den er kurz zuvor kennen gelernt hat, gibt ihm Tipps, wie er einen leeren Magen vermeidet: „Wenn du dich nur beim Reis anstellst, ist nachher keine Suppe mehr da. Stellst du dich bei der Suppe an, ist der Reis alle. Deswegen verteilen wir uns.“ (S. 46) Als Jonathan in der Schlange als letzter ankommt, ist für ihn freilich nichts mehr übrig. In der kleinen Zelle, die von Dutzenden Straßenkindern bevölkert wird, ist es nachts kaum möglich, ohne Störung zu schlafen, da nicht genug Platz für alle inhaftierten Kinder vorhanden ist. Jonathan muss sich erst mühsam ein Plätzchen suchen, das für seine langen Beine so gerade ausreicht.   

Nach der Lesung zeigte Autor Rüdiger Bertram, u.a. bekannt durch seine „Coolman“–Reihe und den Kinofilm „Pommes essen“, zunächst einige Bilder von seiner rund fünf Jahre zurückliegenden Manila-Reise. Gemeinsam mit Tatort-Schauspieler Dietmar Bär und dem Team einer Hilfsorganisation, die sich philippinischer Straßenkinder annimmt, bereiste er die Schauplätze seines Buches. Anhand eindrucksvoller Aufnahmen konnte Bertram die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich in der philippinischen Hauptstadt belegen. Ihm gelang sogar der Besuch eines Gefängnisses, in dem zahlreiche Kinder und Jugendliche widerrechtlich inhaftiert waren. „Viele haben zwei bis drei Monate keinen Richter gesehen“, berichtete Bertram. In diesem Zusammenhang wollte ein Siebtklässler vom Wahl-Kölner wissen, warum Kinder ins Gefängnis kämen, wenn sie gar nichts gemacht hätten. Bertram erklärte dies den Schülern damit, dass aus Sicht der philippinischen Sicherheitsbehörden Manila nur dann „sauber“ sei, wenn keine Kinder mehr auf der Straße leben. Ursprünglich stammten die meisten der Straßenkinder vom Land, wo ihre Eltern für sie aber keine Perspektive mehr gesehen hätten. In Manila angekommen, hätten sie zunächst oft bei dort lebenden Verwandten Unterschlupf gefunden, die zumeist tristen Bretterhütten aber in der Regel nach kurzer Zeit wieder verlassen, da das Leben auf der Straße mehr Freiheit verspreche. Wenn sie der Polizei dort in die Hände fallen, werden sie eine Zeit lang eingesperrt. Was passiert mit den Kindern, wenn sie das Gefängnis verlassen können, wollte ein anderer Siebtklässler wissen. Bertrams kurze Antwort: „Dann landen sie direkt wieder auf der Straße.“ Rüdiger Bertrams beeindruckender Roman zeigt ein Stück philippinischer Wirklichkeit, die auch im Jahr 2015 noch aktuell ist. Ein würdiges Lesefest-Finale am Wiesweg!

Text: Lothar Wiesemann

Fotos: Jannik Kuhlmann

19.11.2015