„Wir lebten angeblich in einem besseren Land“

Rostocker Autorin Dorit Linke präsentierte der E-Phase ihren Roman „Jenseits der blauen Grenze“ / Nominierung für Deutschen Jugendliteraturpreis 2015

Dorit Linke zum Zweiten: Nachdem die Rostockerin zunächst den Fünftklässlern ihr neues Buch „Fett Kohle“ vorgestellt hatte (siehe Bericht), kam die E-Phase im Rahmen des Lesefests an die Reihe. Den Oberstufenschülern stellte Linke ihren „Erstling“ vor: das Jugendbuch „Jenseits der blauen Grenze“. Mit diesem Roman vollbrachte die Autorin das Kunststück, direkt für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 nominiert zu werden.

In ihrem Buch versetzt uns Linke in den August 1989. Zu diesem Zeitpunkt markiert die Berliner Mauer, das Mahnmal der deutschen Teilung, seit 28 Jahren die Systemgrenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Dass sie drei Monate später der Vergangenheit angehören wird, können die beiden Schüler Hanna und Andreas nicht ahnen, als sie ihr Vorhaben der Republikflucht in die Tat umsetzen. Ihr Ziel besteht darin, schwimmend über die Ostsee in den Westen zu fliehen. Für die DDR haben sie nur noch Verachtung übrig. Der real existierende Sozialismus peinigt sie mit staatlicher Willkür, ein erfüllendes Leben scheint in unerreichbarer Ferne zu liegen. Doch die Strecke von Kühlungsborn nach Fehmarn wird den beiden wagemutigen Ostdeutschen alles abverlangen. Fünfzig Kilometer Wasser, Grenzpatrouillen, nervenaufreibende Abenteuer und die eigene Erschöpfung trennen sie von der erhofften Freiheit, und nur ein dünnes, verbindendes Seil um ihr Handgelenk rettet sie vor der absoluten Einsamkeit.

Nach der Lesung fragte eine Oberstufenschülerin die Autorin, ob es überhaupt möglich sei, eine 50 Kilometer lange Strecke schwimmend zurückzulegen. Dies bejahte die ehemalige Rettungsschwimmerin Linke. Zwar seien die meisten Flüchtlinge, die es wagten, über die Ostsee zu fliehen, irgendwann aufgegriffen worden. Aber sie betonte auch: „Es gab Leute, die das geschafft haben.“ Im Falle einer misslungenen Flucht landete man allerdings als Republikflüchtling im Knast. Sie selbst habe in Rostock als Jugendliche in einer Straße gelebt, in der ein Stasi-Gefängnis gestanden habe: „Die Ostsee war für mich näher dran als die Mauer“, erinnerte sich Linke an diesen Abschnitt ihres Lebens. Aus ihrem direkten Umfeld sei indes niemand in den Westen geflohen.

Linke beklagte gegenüber den Oberstufenschülern auch die Indoktrination, der die ostdeutschen Jugendlichen in der Schule ausgesetzt waren: „Uns wurde immer beigebracht, dass wir angeblich in einem besseren Land leben.“ Das heutige Leben in einer freien Gesellschaft bringe dagegen zahlreiche Vorteile mit sich, resümierte die Autorin.

 

Text: Lothar Wiesemann

Foto: Leonie Hans

 

05.11.2015