Hommage an eine (fast) vergessene Literatur

Rezitator Gerd Berghofer brachte der Jahrgangsstufe Q 3 die expressionistische Lyrik näher

Was haben Autoren wie Gerrit Engelke, Georg Heym, Jakob van Hoddis, Ernst Stadler, Else Lasker-Schüler, Alfred Lichtenstein und Reinhard Sorge miteinander gemeinsam? Sie alle sind mit ihrem Werk in die Zeit rund um den Ersten Weltkrieg zu verorten – in eine Ära, die man heute als literarischen „Expressionismus“ bezeichnet. Gerd Berghofer, aus dem Frankenland stammender Rezitator und regelmäßiger Referent am Wiesweg, machte sich einmal mehr die Mühe, der Jahrgangsstufe Q 3 tiefere Einblicke in die Lyrik des Expressionismus zu ermöglichen. Um es vorwegzunehmen: Dies gelang dem gebürtigen Nürnberger, der mittlerweile im mittelfränkischen Georgensgmünd lebt, wie gewohnt. Im Rahmen seines Vortrages erklärte und rezitierte er nicht nur die jeweiligen Texte, sondern stellte auch die Dichter ausführlich vor.      

Zunächst warf Berghofer einen Blick auf die politische Situation, mit der die expressionistischen Lyriker zwischen 1910 und 1922 konfrontiert waren. Im damaligen wilhelminischen Kaiserreich, betonte Berghofer, „lag das Säbelrasseln in der Luft“. Das maritime Wettrüsten zwischen dem Deutschen Reich und England, wesentlich gefördert durch den deutschen Kaiser Wilhelm II., habe eine aggressive Grundstimmung gefördert, die nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz-Ferdinand im Juni 1914 eskalieren sollte. Während sich viele expressionistische Lyriker vor Kriegsausbruch noch der Illusion hingegeben hatten, der Krieg könne das Bestehende überwinden (so z.B. in Der Krieg von Georg Heym oder in Der Aufbruch von Ernst Stadler), entstanden nach Kriegsausbruch fast ausschließlich Gedichte, die die Fronterfahrungen der Autoren widerspiegeln. Viele expressionistische Autoren starben im Weltkrieg – nicht ohne zuvor das auf den Schlachtfeldern herrschende Grauen thematisiert zu haben (z.B. Grodek von Georg Trakl).

Doch nicht allein die Angst vor einem drohenden Krieg, die sich als allzu berechtigt herausstellen sollte, einte zahlreiche Lyriker dieser Zeit. Jüngere Literaten wie Jakob van Hoddis, Georg Heym, Ernst Toller und Georg Trakl übten zudem Kritik an den als spießbürgerlich empfundenen Vätern und an der Anonymität der tristen Großstädte.

Der häufig zum Ausdruck kommende Vater-Sohn-Konflikt prägte beispielsweise den Lebenslauf von Jakob van Hoddis (1887-1942), der ursprünglich Hans Davidsohn hieß. Er wurde 1887 als Sohn des jüdischen Sanitätsrats Hermann Davidsohn und dessen Frau Doris in Berlin geboren. Gepeinigt durch den strengen Vater, musste er zunächst heimlich schreiben, ehe er mit seinem 1911 veröffentlichten Gedicht „Weltende“, in dem er u.a. die Auswirkungen des technischen Fortschritts und den drohenden Weltkrieg thematisierte, seinen Durchbruch feiern konnte. Seit 1912 litt van Hoddis an Psychosen. Die Nationalsozialisten wiesen ihn nach der „Machtergreifung“ zunächst in eine Pflegeanstalt bei Koblenz ein, ehe er 1942 in das Vernichtungslager Sobibor verlegt wurde, wo er kurz darauf ermordet wurde.  

 

Eng verbunden mit van Hoddis´ Namen ist der des schlesischen Lyrikers Georg Heym (1887-1912). Beide Autoren waren seit 1911 miteinander befreundet. Georg Heym litt unter dem Verhältnis zum autoritär-konservativen Vater. Reichsmilitärstaatsanwalt Hermann Heym brachte seinen Sohn dazu, Jura zu studieren. Nach dem Abschluss seines Ersten Staatsexamens an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin begann Heym seinen Vorbereitungsdienst am Amtsgericht Lichterfelde, der allerdings nur vier Monate währte,  da er eine Grundbuchakte voreilig vernichtet hatte. Der eifrige Lyriker schrieb mehr als 500 Gedichte. Bereits mit 24 Jahren sollte sein Leben nach einem tragischen Unfall ein Ende finden.

Den wohl radikalsten Bruch mit den Wert- und Moralvorstellungen der vorherigen Generation vollzog der Lyriker Gottfried Benn (1886-1956). In seinen Morgue-Gedichten (z. B. Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke) thematisierte er das Kranke, Hässliche und Abstoßende in Abgrenzung zu bürgerlichen Geschmacksnormen sprachlich äußerst präzise. Schock und Verfremdung sollten konventionelle Ästhetik- und Moralvorstellungen aufbrechen, zugleich aber auch die Wirklichkeit unverfälscht darstellen. Benns derart geschaffene „Ästhetik des Hässlichen“ ging eine enge Verbindung zur Beschäftigung mit Tod und Zerfall ein. Für Benn war der Zerfall ein zentrales Motiv, er sah in ihm die literarische Reaktion auf eine als erstarrt und todkrank eingeschätzte Gesellschaft, die dem Zerfall preisgegeben ist.

Text: Lothar Wiesemann

Fotos: Lorenz Eichner

 

14.01.2015