Beeindruckende Lesung der Autorin Susanne Schädlich aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls

9. November 2014: Der 25. Jahrestag der Öffnung der Berliner Mauer wurde gefeiert und in vielen Berichten gewürdigt. Zwei Tage später war die Autorin Susanne Schädlich aus Anlass dieses Jubiläums zu Gast im Gymnasium Eltville und gab eine eindrucksvolle Schilderung vom Leben in der DDR, von der Ausreise ihrer Familie im Jahre 1977 und von den auch danach noch in ihr Leben reichenden Fängen der Stasi. Susanne Schädlich las eindrucksvolle Passagen aus ihrem Buch „Immer wieder Dezember“ und schilderte, wie ihr Vater, nachdem er als nicht regimekonformer Schriftsteller in der DDR einen Aufruf zur Unterstützung des 1976 ausgebürgerten Wolf Biermann unterschrieben hatte, keine Werke mehr veröffentlichen durfte und kein Einkommen mehr hatte, so dass er 1977 die Ausreise für sich und seine Familie beantragen musste, die anders als bei vielen anderen bewilligt wurde. Wie aber war das für die Familie? Wie für die Kinder? Susanne Schädlich war damals 12. Sie erzählte den Schülern, sie habe ihr Buch auch geschrieben, weil immer nur die Perspektive der Erwachsenen gesehen werde und sie einmal ihre Sicht einer Jugendlichen zeigen wollte, die behütet aufwuchs und über die dieses Geschehen plötzlich hereinbrach. Mit der Ausreiseverfügung wurde ihr bis zum Tag der Ausreise verboten, weiter zur Schule zur gehen. Aber sie wollte sich doch wenigstens von ihren Freundinnen verabschieden. Auf ihre und ihrer Eltern Bitten wurden von der Schule fünf Minuten vor der Sportstunde gewährt, in denen sie Abschied nehmen musste, dann sah sie auch ihre beste Freundin nie mehr wieder. Ausreise – so schilderte sie lebhaft –, das war nicht ein Wohnortwechsel von einem Land in ein anderes, so wie wir uns das heute vorstellen, sondern das bedeutete etwas völlig Neues, Unbekanntes, den Abbruch alles Bisherigen. Ihr Stiefbruder, der schon älter war und eine Lehrstelle antreten wollte, hatte sich entschieden, in der DDR zu bleiben. Briefe schickte sie nach der Ausreise, erhielt aber keine Antwort. Wie sie später in den Stasi-Unterlagen herausfand, waren die Briefe abgefangen und nicht weitergeleitet worden.

Einzig zu ihrem Lieblingsonkel konnte sie Kontakt halten. Da sie nach der Ausreise als „Staatsbürgerin der BRD“ nach Ost-Berlin einreisen durfte, besuchte sie ihren Onkel weiterhin. Für ihren Vater jedoch war das schwieriger. Er konnte seinen Bruder nur in Ungarn, wohin Ostdeutsche und Westdeutsche reisen durften, treffen.

Nach der Wiedervereinigung sahen ihr Vater und sie die Stasi-Akten ein. Ihr Vater fand einen Bericht eines Informellen Mitarbeiters der Stasi, der die Gespräche mit seinem Bruder in Budapest, bei denen niemand anderes zugegen gewesen war, genauestens wiedergab. Also musste der eigene Bruder selbst der Spitzel gewesen sein – ein Schock für die Familie! Der Onkel hatte all die Zeit seinen Bruder, seine Schwägerin, seine Nichte bespitzelt und die Informationen an die Stasi weitergegeben, wie es die Protokolle belegten. Frau Schädlich erzählte später auf Nachfragen, wie ihr Gefühl gewesen sei, als sie davon hörte: Es habe ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihr  Lieblingsonkel, der sie alle Zeit betrogen hatte, der ein „Schöngeist“ war, von dem man dies am allerwenigsten vermutet hatte! Ihr Onkel brachte sich 2007 – im Dezember, deshalb ihr Buchtitel „Immer wieder Dezember“ – um. Ja, sie habe sich mit ihrem Buch auch angesichts des Todes des Onkels etwas von der Seele schreiben wollen.

 

In der Diskussion mit Frau Schädlich wurde sie auch nach ihrer Meinung zur aktuellen Debatte über den „Unrechtsstaat DDR“ gefragt. Hierzu nahm sie eine klare Haltung ein: Das, was einen freiheitlichen Staat und einen Rechtsstaat ausmache, habe es in der DDR nicht gegeben: es habe keine Gewaltenteilung existiert und die Freiheitsrechte hätten nur auf dem Papier gestanden und seien nicht gewährt worden. Die DDR sei unzweifelhaft eine Diktatur gewesen und eine Diktatur sei per se ein Unrechtsstaat. Davon trennte sie klar die persönlichen Empfindungen des Alltagslebens. In einem Unrechtsstaat gelebt zu haben, heiße nicht, dass man sich nicht mit Freude an seine Kindheit erinnern könne und daran denke, welch schöne Erlebnisse man bei der Großmutter in Jena gehabt habe.      

 

Mit der Lesung von Susanne Schädlich setzte das Gymnasium Eltville seine Veranstaltungsreihe zur historisch-politischen Bildung fort, in der Zeitzeugen wichtige Ereignisse und Geschehnisse der jüngeren und jüngsten deutschen Geschichte aufleben lassen, um alle Anwesenden anschaulich zu vertiefter Auseinandersetzung mit historischen Themen zu bringen.

 

Michael Burow