Eine Freundschaft wird auf die Probe gestellt

Jugendliteraturpreisträger Finn-Ole Heinrich präsentierte seinen Erfolgsroman „Räuberhände“ / Umlagerter Büchertisch am Ende der Lesung

Janiks Eltern lieben Samuel. Dabei ist er nicht einmal ihr leibliches Kind, sondern „nur“ Janiks bester Freund. Janik nennt ihn manchmal „Adoptivkind“, was Samuel nervt. Seit mittlerweile sieben Jahren sind die beiden in einer Klasse und von Anfang an passte kein Blatt Papier zwischen sie. Samuel hat sogar ein eigenes Bett in Janiks Zimmer und übernachtet dort regelmäßig. Wie es dazu kommt, dass ihre intensive Freundschaft durch ein einschneidendes Erlebnis auf die Probe gestellt wird, erzählte Jugendliteraturpreisträger Finn-Ole Heinrich der Jahrgangsstufe Q 1 anlässlich einer unterhaltsamen Lesung im Rahmen des Rheingauer Lesefests. In seinem Roman schickt Heinrich die beiden jungen Erwachsenen in Istanbul auf die Suche nach einem freien und selbstbestimmten Leben. Ihre Herkunft lässt sie dabei auch in der Ferne nicht los. Janik plagt sich mit allzu liberalen Eltern herum und Samuel hofft, in der Metropole am Bosporus seinen unbekannten Vater zu finden, der laut Auskunft seiner häufig alkoholisierten Mutter Irene gebürtiger Türke ist. Doch kann Janik ihm bei diesem Vorhaben überhaupt helfen? Schließlich hat er einen Fehler begangen, der ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellt.

Nach der von zahlreichen technischen Effekten untermalten Lesung hatten die Oberstufenschüler/innen genug Zeit, dem jungen Erfolgsautor noch Fragen zu stellen, wovon sie ausgiebig Gebrauch machten. So wollte eine angehende Abiturientin von Heinrich wissen, wie er denn einen solchen Roman schreibe. Der Jugendliteraturpreisträger stellte in seiner Antwort klar, dass er nicht ohne Plan losschreiben könne: „Ich brauche eine klare Vorlage für mich selbst vor dem Beginn des Schreibens.“ Zugleich relativierte er: „Während des Schreibens ist bei mir aber noch viel in Bewegung.“ Man könne eben nicht jede Kleinigkeit von vornherein planen. Befragt nach seiner Einschätzung zum Online-Giganten Amazon, brachte er seine Haltung gänzlich unverblümt zum Ausdruck: „Die Vielfalt der deutschen Verlags- und Buchhandlungslandschaft ist bedroht.“ Entsprechend richtete er an die Oberstufenschüler den Appell: „Wir müssen Mittel und Wege finden, Amazon zu umgehen – auch wenn es nicht immer einfach und bequem ist.“

Am Ende der von Lesefest-Chefin Sabine Stemmler initiierten Lesung bewies der umlagerte Büchertisch, dass Heinrichs „Räuberhände“ das Interesse der jugendlichen Zuhörerschaft geweckt haben. Der gebürtige Schleswig-Holsteiner fand noch Zeit, Autogramme zu schreiben und mit einigen Schüler/innen näher ins Gespräch zu kommen.

Text: Lothar Wiesemann

Fotos: Lilli Ringsdorf

15.10.2014