„Sie waren böse – das macht sie mir noch sympathischer“

Rezitator Gerd Berghofer brachte angehenden Abiturienten die Lyrik des Expressionismus näher / Zeitkritische literarische Strömung war vor gut 100 Jahren auf ihrem Höhepunkt angelangt

Mittlerweile ist er schon fast ein alter Bekannter: Seit einigen Jahren darf sich das Eltviller Gymnasium auf die Besuche des Rezitators und Lyrikers Gerd Berghofer freuen. In der ersten Schulwoche nach den Weihnachtsferien brachte der wortgewaltige Franke der Jahrgangsstufe Q 3 des Gymnasiums am Wiesweg die Lyrik des Expressionismus nahe. 

Zu Beginn seines Vortrags stellte Berghofer gleich klar, dass sich die Lyrik der expressionistischen Epoche (1910-1920) einer simplen Einordnung entziehe: „Wir können den Expressionismus nicht in eine bestimmte Schublade stecken, dafür ist er zu vielfältig.“ Um den Oberstufenschülern die thematische Vielfalt der expressionistischen Lyrik anschaulich zu machen, ordnete er einzelne Lyriker bestimmten thematischen Schwerpunkten zu, die sich wie ein roter Faden durch ihr jeweiliges Werk ziehen.

Berghofer begann seine Ausführungen mit einem kurzen Blick auf das Leben von Jakob van Hoddis (1887-1942). Der Sohn eines jüdischen Sanitätsrates begann bereits als Gymnasiast, erste Gedichte zu schreiben. 1911 erschien sein Gedicht „Weltende“, das Berghofer den Oberstufenschülern  darbrachte. Darin thematisierte der gebürtige Berliner die sich immer stärker ändernde Wirklichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Kaiserreich zeigte erste Auflösungserscheinungen, und der technische Fortschritt veränderte zunehmend das Alltagsleben der Menschen. Van Hoddis litt seit 1914 an Schizophrenie. Als die Nationalsozialisten nach der „Machtergreifung“ 1933 seiner habhaft wurden, war sein Schicksal vorgezeichnet. 1942 wurde er im KZ Sobibor ermordet.

Seine Freundschaft zu Georg Heym (1887-1912) lag zu diesem Zeitpunkt bereits Jahrzehnte zurück. Kennen gelernt hatten sie sich im Winter 1909/1910 bei der Gründung des „Neuen Clubs“, einer Vereinigung von Studenten und jungen Künstlern, die zur Keimzelle des literarischen Frühexpressionismus wurde. Heym, dessen Vater ihn in eine juristische Laufbahn hineinzwang, flog bereits nach vier Monaten aus dem juristischen Vorbereitungsdienst im Amtsgericht Lichterfelde, als er eine Grundbuchakte unzulässigerweise entsorgte. Seinem literarischen Wirken tat dies keinen Abbruch. So sah er in seinem Gedicht „Der Krieg“, das Berghofer rezitierte, bereits 1911 voraus, dass es schon bald zum Ausbruch eines großen Krieges kommen werde. Diesen Waffengang sollte der junge Schriftsteller indes nicht mehr erleben: Heym starb bereits im Jahr 1912, als er einem Freund helfen wollte, der beim Schlittschuhlaufen auf der Havel im Eis eingebrochen war.

Einer, der diesen Waffengang ursprünglich herbeigesehnt hatte, war der Lyriker Ernst Stadler (1883-1914). Geboren in Straßburg, war er sein ganzes Leben lang konfrontiert mit der Frage, ob er als Elsässer sich eher Deutschland oder Frankreich zugehörig fühlen solle. In seiner Gedichtsammlung „Der Aufbruch“, die 1914 erschien, plädierte er im Unterschied zu Georg Heym, der eindringlich vor einem Krieg gewarnt hatte, für ein „reinigendes Gewitter“, um zu einem vermeintlich besseren Dasein aufzubrechen. Das Kriegsende sollte er indes nicht erleben. Der freiwillig zu den Waffen Geeilte wurde bereits während der ersten Flandernschlacht 1914 durch eine Granate getötet.

Berghofers Vortrag merkte man seine Sympathie für diese junge Lyrikergeneration zu Beginn des 20. Jahrhunderts an: „Sie waren böse – das macht sie mir noch sympathischer“, verriet er den Oberstufenschülern. Im Gegensatz zur Lyrik der Romantik hätten Dichter wie Heym, van Hoddis und Georg Trakl (1887-1914) eine zeit- und gesellschaftskritische Grundeinstellung bewiesen. Sie hätten ihren Zeitgenossen signalisiert, dass sich im militaristisch geprägten  wilhelminischen Deutschland etwas ändern müsse.

Am Ende der Veranstaltung waren auch Schulleiterin Angelika Morschheuser und ihre Stellvertreterin Sylvia Rapp voll des Lobes für Berghofers „anregenden Vortrag“. Die Schulgemeinde freut sich darauf, ihn bald wieder am Wiesweg begrüßen zu dürfen.

Lothar Wiesemann (Text)

Ulf Daniel (Fotos)

15.01.2014