Feldpostbriefe bezeugen Gräuel des Krieges

Autorin Maja Nielsen stellte Achtklässlern ihren Roman „Feldpost für Pauline“ vor / Achtklässler verlasen Feldpostbriefe

Mit einem Besuch der Jugendbuchautorin Maja Nielsen wurde das von Sabine Stemmler organisierte Rheingauer Lesefest am Wiesweg fortgesetzt. Die sympathische Hamburgerin las  den Achtklässlern aus ihrem Roman „Feldpost für Pauline“ vor, für den sie 2009 mit dem „Deutschen Kinderhörspielpreis“ ausgezeichnet worden war.

Darin geht es um die 14-jährige Pauline, die mit fast 100 Jahren Verspätung eine Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg zugestellt bekommt. Was ihr zunächst als kuriose Geschichte erscheint, wird bald zu einer berührenden Reise in die Vergangenheit, die zahlreiche Fragen aufwirft: Wer war ihre Namensvetterin Pauline, an die der Liebesbrief gerichtet ist? Was für ein Mensch war Wilhelm, der besagte Feldpost aus einem Schützengraben in Frankreich an seine Verlobte geschrieben hat? Und wer hat im Ersten Weltkrieg überhaupt gegen wen gekämpft? Mit detektivischer Neugier machen sich Pauline und ihre Großmutter Lieschen daran, das Geheimnis des Briefes zu entschlüsseln. Dabei stoßen sie auf weitere Feldpostbriefe, die die Liebe dieser beiden jungen Menschen in einer schweren Zeit bezeugen und ein zeitgeschichtliches Panorama des deutschen Kaiserreiches entwerfen, das vor nahezu 100 Jahren den Weg in den Abgrund beschritten hat.    

 

Nachdem sich Wilhelm und Pauline im August 1914 am Bahnhof schmerzvoll voneinander verabschiedet haben, muss Wilhelm als Soldat an die Front. Er erlebt die Hölle von Verdun. Bei diesem deutschen Angriff auf eine französische Festung sterben binnen fünf Monaten fast siebenhunderttausend Soldaten – allein 40 Millionen Granaten wurden bei dieser Materialschlacht verschossen. Ein Feldpostbrief Wilhelms dokumentiert das sinnlose Sterben auf beiden Seiten: 

 

Liebste Pauline,

das Sterben geht weiter. Kein Ende in Sicht. GROSSER GOTT, was ist nur aus uns geworden! (...) Wenn ich es schaffe, unversehrt aus diesem sinnlosen Krieg zurückzukommen – dann nur wegen Dir. Wie eine Melodie aus einer schöneren Welt höre ich die Worte, die Du mir zum Abschied im Zug gesagt hast. Sie klingen selbst bei schwerem Trommelfeuer noch in meinen Ohren. Ich liebe Dich, ich liebe Dich bis in alle Ewigkeit, Dein Wilhelm. 

Maja Nielsen ließ sich bei der Recherche für ihren Roman von über 500 Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg inspirieren. Mehrere Achtklässler halfen ihr dabei, die Erfahrungen der Soldaten mit den Gräueln des Krieges vorzutragen. Jakob Wagner verlas den Brief des Soldaten Gotthard Dentler, den die Einberufung im rheinischen Remagen erreichte:

Liebe Eltern,

am 2. August morgens 3 Uhr dann endgültig Abmarsch, nachdem unser Major eine kurze, markige Ansprache gehalten hatte. Voran die Musik „Heil Dir im Siegerkranz“, gings dem Bahnhof zu. Um 5 Uhr waren wir verladen in ca. 20 Wagen mit unseren Gerätewagen, und um 6 Uhr verließen wir Koblenz unter Absingen froher Lieder Richtung Trier. An den Wagen hatten wir allerlei Ulk angemalt, so „Franzosen, Belgier, Serben, ihr alle müsst jetzt sterben“ usw.

 

Dass die anfängliche Kriegsbegeisterung rasch schwand, bezeugte ein von Katrin vorgelesener Feldpostbrief der Quedlinburgerin Marie Rößler vom September 1916:

 

Mein guter Otto, seit Dienstag bin ich ohne Nachricht von Dir. Auf keinem Fleck habe ich Ruhe. Tu mir, mein Schatz, nur das nicht an und laß mich so lange warten. Wo ich nun weiß, Du bist dort fortgekommen, nur weiß ich nicht wohin. Auch bist Du gewiß schon im Gefecht. Ach möge Dich doch dort der liebe Gott glücklich wieder herausführen.

Dass das Elend des Krieges auch am medizinischen Fachpersonal nicht spurlos vorüberging, konnte Finn Ihde beweisen. Er zitierte den Lazarettarzt Wilhelm Pfuhl, der an der Front einen Nervenzusammenbruch erlitt. Im November 1916 schrieb er an seine Frau:

Ich glaube, es sind weniger die Anstrengungen, als all das Grauenhafte, das ich in den letzten Monaten erlebt habe, was meine Gesundheit so erschüttert hat. Es kommt mir ganz unfassbar vor, wie die Menschheit sich so in gegenseitigem Massenmord zerfleischen kann. Ich bin gar so müde und matt, möchte am liebsten einschlafen und nicht eher aufwachen, ehe Frieden im Lande ist, oder gar nicht.

 

Wie sehr die grauenhaften Kriegserlebnisse die Menschen prägten, konnte Jonas Engelmann zum Abschluss der Lesung nochmals anhand eines Feldpostbriefes des Soldaten Erich Sidow dokumentieren, der an der Westfront eingesetzt wurde. Im August 1918 schrieb er an seine Frau: 

 

 Was es auf der Welt Schreckliches gibt, habe ich gesehen und gekostet. Ich bin durch Artillerie-Sperrfeuer gelaufen, habe Gas geschluckt, bin durch Trommelfeuer zermürbt worden. Maschinengewehrkugeln sausten um mich und mancher Infanterist hat mich aufs Korn gehabt. Ich habe Verwundete gesehen, Tote, die zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren. Schreckliches, abermals Schreckliches. Glaube mir, diese wenigen Worte können nichts sagen von den wahren, furchtbaren Leiden des Kampfsoldaten, von denen sich niemand ein Bild machen kann, der nie gesehen, nie miterlebt hat. Dass sie einem den Flügel lahmgeschossen haben, ist zu ertragen! Aber hier drinnen! Da ist etwas entzweigegangen! Irgend etwas!

 

Der nach dem Ende der Lesung einsetzende Ansturm auf die Autogrammkarten der Autorin dokumentierte einmal mehr, dass es Maja Nielsen mit ihrer sympathisch-unterhaltsamen Art vollauf gelungen ist, die Schüler mit einem ernsten Thema in ihren Bann zu ziehen.

 

Lothar Wiesemann (Text)

Carla Rick, Kim Liedtke (Fotos)

07.11.2013