„Ich entwickle eine Geschichte erst beim Schreiben“

Schweizer Erfolgsautor Peter Stamm stellte sein Werk „Agnes“ vor /  Prosa gekennzeichnet von knappem, sachlichem Stil

 

„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte.“ Drei kurze Hauptsätze, schnörkellos und unprätentiös, und schon befindet sich der Leser mitten in der Geschichte von „Agnes“, dem 1998 erschienenen Debütroman des Rheingau-Literaturpreisträgers Peter Stamm. Der Schweizer Autor nutzte eine Stippvisite beim Rheingau-Literaturfestival, um der Jahrgangsstufe Q 1 des Gymnasiums am Wiesweg sein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Werk vorzustellen, mit dem vor mittlerweile 15 Jahren der literarische Erfolg des derzeitigen Mainzer Stadtschreibers begann.

 

Im Mittelpunkt seines Romans steht die Liebesgeschichte zwischen einem etwa vierzigjährigen Schweizer Sachbuchautor und einer fünfundzwanzigjährigen US-Doktorandin für Physik namens Agnes. Nachdem die beiden Sonderlinge sich an der Universitätsbibliothek Chicago bei einer Recherche kennen gelernt haben, entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Als der namenlose Ich-Erzähler seiner jungen Geliebten berichtet, er habe früher Kurzgeschichten verfasst, bittet Agnes ihn kurz darauf, eine Geschichte über sie zu schreiben. Diese solle ein Portrait sein, das sie zeigt, wie sie ist. Agnes liest und kommentiert die einzelnen Kapitel, die der Erzähler niederschreibt. Dabei wird rasch deutlich, dass sowohl die Wahrnehmung als auch die Erinnerung der beiden Protagonisten unterschiedlich ist. Als der Ich-Erzähler über zukünftige Ereignisse schreibt, die beide – wie einem Drehbuch folgend – in der Gegenwart leben, bleibt dies nicht ohne Folgen für ihre Beziehung.

 

Dass die Liebesbeziehung zwischen Agnes und dem Ich-Erzähler scheitert, liegt laut Stamm an einem grundlegenden Missverständnis zwischen den Liebenden: „Er macht sich ein Bild von ihr, das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.“ Facebook funktioniere im Übrigen so ähnlich. Seine Benutzer würden viel Zeit darauf verwenden, Wunschbilder von sich zu entwerfen. Das sei nicht ungefährlich. Im Übrigen „tun wir auch anderen Gewalt an, wenn wir uns ein Bild von ihnen machen“, betonte der Autor. Das lasse sich immer wieder beobachten, wenn Eltern ihre Kinder in eine vorgefertigte Schablone zu pressen versuchten. 

 

In der sich anschließenden Diskussion nutzten die Schüler die Gelegenheit, Stamm zahlreiche Fragen zu stellen. Der Autor ließ dabei durchblicken, dass der Schreibprozess mitunter mühevoll ist: „Man darf sich nicht zu schnell mit einem Text zufrieden geben.“ Sein Schreibstil habe sich im Laufe der Jahre verändert, was man auch an seinem neuesten Roman „Nacht ist der Tag“ erkennen könne: „Ich formuliere heute weniger knapp als früher.“ Einen festen Plan, wie seine Geschichten ausgehen sollten, habe er am Beginn des Schreibprozesses nicht: „Ich entwickle eine Geschichte erst beim Schreiben.“ Das sei wie im realen Leben, wandte er sich resümierend an die Oberstufenschüler: „Wenn Sie jetzt schon bis 65 Ihren Lebensplan haben, wird das wohl nichts.“

 

Lothar Wiesemann (Text)

Lilli Ringsdorf (Fotos)

 

30.9.2013