„Die Folgen der Bücherverbrennung dauern bis heute an“

Gerd Berghofer brachte der Q 2 die Werke verfemter Dichter näher / Nationalsozialisten drängten zahlreiche Autoren ins Exil

„Ich übergebe den Flammen die Schriften von....“ – so begannen die teuflischen Feuersprüche, mit denen die Nationalsozialisten in der Nacht des 10. Mai 1933 im ganzen Deutschen Reich die Bücher verfemter Schriftsteller den Flammen übergaben. 24 Autoren waren zunächst öffentlich von den Nazis „auserwählt“ worden – darunter so bekannte Schriftsteller wie Erich Kästner und Thomas Mann, aber auch weniger bekannte, deren Namen man dem Vergessen entreißen muss. Wer kann heute beispielsweise noch mit den Namen Ernst Glaeser (1902-1963), Oskar Maria Graf (1894-1967) und Albert Ehrenstein (1886-1950) etwas anfangen?

Gerd Berghofer, freier Schriftsteller und Rezitator, ist einer derjenigen Experten, die dem Vergessen Einhalt gebieten möchten. Am Gymnasium Eltville ist er ein alter Bekannter, der bereits seit mehreren Jahren v.a. den Schülern der Oberstufe die neuere deutsche Literatur näher bringt. Dass der 46-jährige Franke für sein unermüdliches Wirken bereits mehrere Literaturpreise erhalten hat, ist nicht verwunderlich. Schließlich ist es ein Erlebnis, Berghofer zuzuhören. Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Schriftstellerkollegen steht er vor seinem Publikum und spricht nahezu komplett frei. Seine geschulte Stimme zieht das Publikum direkt in den Bann. Berghofer inszeniert Literatur. Da bleibt selbst an einem späten Dienstagnachmittag einiges hängen.

So erfahren die Schüler über den pazifistischen Schriftsteller Armin T. Wegener (1886-1978), dass er den Mut besaß,  im April 1933 einen Brief an den neuen Reichskanzler Hitler zu schreiben, in dem er ihn geradezu prophetisch anmutend mahnte, die Judenverfolgung rasch zu beenden: „(...) die Schmach und das Unglück aber, die Deutschland dadurch zuteil wurden, werden für lange Zeit nicht vergessen sein (...) wenn einmal die Städte zertrümmert liegen, die Geschlechter verbluteten.“ Sein Appell brachte dem couragierten Pazifisten die Einweisung ins KZ Oranienburg. Nach seiner Freilassung emigrierte er und überlebte den Holocaust in Italien.

Kurios mutet der Fall des Schriftstellers Oskar Maria Graf an, der mit seinen Werken anfangs nicht der Bücherverbrennung der Nazis zum Opfer gefallen war. Zunächst wurde das Lesen seiner Werke sogar empfohlen. Dies ärgerte Graf so, dass er im Mai 1933 in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ folgenden Aufruf veröffentlichte: „Verbrennt mich! (...) Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen.“  Dies ließen sich die Nationalsozialisten nicht zweimal sagen: Ein Jahr nach der reichsweiten öffentlichen Bücherverbrennung wurden seine Bücher im Innenhof der Münchener Universität nachträglich den Flammen übergeben. Graf wurde ausgebürgert und floh zunächst in die Tschechoslowakei, später dann in die Niederlande und die USA, wo er 1967 starb.

Mit eindringlichen Worten schilderte Berghofer seinem jungen Publikum, dass die vor fast 80 Jahren durchgeführte Bücherverbrennung weit über die NS-Zeit hinaus ihre schreckliche Wirkung entfaltete: Vom Aderlass, den das literarische Deutschland infolge der Auswanderung zahlreicher Autoren erleben musste, habe sich das Land der Dichter und Denker bis heute nicht erholt: „Die Folgen der Bücherverbrennung dauern daher bis heute an.“

Lothar Wiesemann