17.1.2013

Angst vor dem Krieg lag in der Luft

Gerd Berghofer besuchte Jahrgangsstufe Q 3 des Gymnasiums Eltville / Expressionistische Lyrik stand im Mittelpunkt

Man könnte ihn bereits mit Fug und Recht als alten Bekannten bezeichnen. Wieder einmal besuchte Gerd Berghofer, fränkischer Rezitator mit ausgeprägter Vorliebe für moderne Lyrik und Prosa, an einem Mittwochvormittag Mitte Januar das Gymnasium am Wiesweg – dieses Mal mit dem Auftrag versehen, der Jahrgangsstufe Q 3 kurz vor dem Abitur noch wichtige Erkenntnisse zur Lyrik des Expressionismus zu vermitteln. Dieses Unterfangen meisterte der gebürtige Nürnberger wie gewohnt mit Bravour.

Seinen Parforceritt durch die expressionistische Lyrik begann der Rezitator mit einem Blick auf die politische Situation, der die expressionistischen Lyriker zwischen 1910 und 1922 ausgesetzt waren. Im wilhelminischen Kaiserreich „lag das Säbelrasseln in der Luft“, betonte Berghofer. Der Rüstungswettlauf zwischen dem Deutschen Reich und England beförderte eine aggressive Grundstimmung, die nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers im Juni 1914 eskalieren sollte. Neben der Angst vor einem drohenden Krieg einte jüngere Literaten wie Jakob van Hoddis, Georg Heym, Ernst Toller und Georg Trakl v.a. die Kritik an den als spießbürgerlich empfundenen Vätern sowie das Erschrecken vor der Anonymität der Großstädte. Da sich expressionistische Schriften durch eine außerordentliche stilistische Vielfalt auszeichnen, ist die Bezeichnung der Epoche allerdings bis heute umstritten: „ Wir bringen den Expressionismus nicht in einer Schublade unter“, betonte Berghofer. Allerdings habe die Autoren ein entsprechendes „Wir-Gefühl“ geeint, das in einem zumeist sozialkritischen Kontext gediehen sei.

Exemplarisch für den häufig zum Ausdruck kommenden Vater-Sohn-Konflikt ist der Lebenslauf von Jakob van Hoddis (1887-1942). Gepeinigt durch den strengen Vater, musste er zunächst heimlich schreiben, ehe er mit seinem 1911 veröffentlichten Gedicht „Weltende“, in dem er u.a. die Auswirkungen des  technischen Fortschritts und den drohenden Weltkrieg thematisierte, seinen Durchbruch feiern konnte. Umso tragischer mutet das Ende dieses seit 1912 an Psychosen leidenden Lyrikers an. Van Hoddis, dessen Name heute fast vergessen ist, wurde 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.  

Bereits seit 1911 war van Hoddis mit dem schlesischen Lyriker Georg Heym (1887-1912) befreundet. Heym, der auf Druck des Vaters Jura studierte, musste das ihm verhasste Referendariat abbrechen, da er eine Grundbuchakte voreilig vernichtet hatte. Mehr als 500 Gedichte schrieb der emsige Lyriker, darunter auch die metapherngeladene Versapokalypse „Der Krieg“ (1911). Dass sein Leben bereits mit 24 Jahren beendet wurde, hatte mit einem tragischen Unfall beim Schlittschuhlaufen auf der Havel zu tun. Heym verunglückte, als er seinen eingebrochenen und ertrinkenden Freund Ernst Balcke retten wollte. Wie auch van Hoddis hegte der „früh Vollendete“ bis zuletzt erheblichen Groll gegen seinen Vater: „Was hätte aus mir für ein Dichter werden können, wenn ich nicht so einen schweinernen Vater gehabt hätte.“

Bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs avancierte Else Lasker-Schüler (1869-1945) zur führenden deutschen Expressionistin. Als sie 1912 als 43-Jährige den 17 Jahre jüngeren Gottfried Benn (1886-1956) kennen und lieben lernte, widmete die zweifach Geschiedene ihrem jüngeren Freund eine Vielzahl von Liebesgedichten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste die Deutsch-Jüdin emigrieren. Ihr abenteuerlicher Lebensweg endete in Palästina, wo sie nach einem Herzanfall 1945 starb. 

Auf die nächste Veranstaltung mit Herrn Berghofer darf sich nun die Q 2 freuen. Im April werden Prosa und Lyrik der verbrannten Dichter auf dem Programm stehen.

Lothar Wiesemann