12.11.2012

Auf der Flucht vor dem skrupellosen Henker  

Nicole Steyer stellte der Q1 ihren ersten historischen Roman vor / Henker Leonhard Busch jagte in Idstein vermeintliche Hexen

„So pass doch auf, du dummes Ding.“ Katharina weicht erschrocken zurück. Vor ihr steht ein großer, schwarz gekleideter Mann. Gerade ist sie ihm an diesem regnerischen Markttag des Jahres 1676 in die Arme gelaufen. Beschämt bückt sich die Idsteinerin und fischt seinen schwarzen Hut aus der Pfütze. Als sie dem Mann den Hut reicht, erstarrt sie. Seine eiskalten blauen Augen blicken sie unverwandt an, bohren sich tief in ihr Innerstes. Am liebsten würde sie weglaufen. Der schwarze Mann mustert sie von oben bis unten, registriert ihr rotes Haar und fragt sich gedankenverloren, warum ihm dieses gut zwanzigjährige Mädchen so auffällt. Sie ist dünn und zu groß für eine Frau. Als er sich schließlich unter weiteren Verwünschungen hastig an ihr vorbeischiebt, atmet Katharina auf. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass es sich bei dem Fremden um den Henker Leonhard Busch handelt, der bei den bald anlaufenden Hexenverfolgungen sein blutiges Tagewerk verrichten wird.

Es wird nicht die letzte Begegnung zwischen Katharina und Leonhard Busch sein. Nicole Steyer, Autorin des bei Knaur erschienenen historischen Romans „Die Hexe von Nassau“, kommt auf den städtischen Henker im Rahmen ihrer Lesung vor der Jahrgangsstufe Q 1 noch häufiger zurück. Die Mutter des Mädchens, das sich als Näherin durchs Leben bringt, fällt dem skrupellosen Henker schließlich zum Opfer, und auch Katharina muss um ihr Leben bangen.

Ein „grausames Thema der Geschichte“ (Steyer) hat sich die aus der Nähe von Rosenheim stammende Autorin für ihren ersten historischen Roman ausgesucht. Man merkt der mittlerweile in Idstein lebenden Schriftstellerin an, dass sie umfangreiche Recherchen zur Stadtgeschichte betrieben hat. Ausführlich berichtet sie den Oberstufenschülern, wie es unter der Herrschaft von Graf Johannes von Nassau-Idstein (1603-1677) zur Verfolgung vermeintlicher Hexen kam, der insgesamt 39 Bürger zum Opfer fielen. Der erzkonservative Protestant, laut Steyer ein „Kind seiner Zeit“, initiierte 1676 eine Prozesswelle, nachdem ein Kind angegeben hatte, seine Patin lehre es, Mäuse und Eidechsen zu machen. Der Graf, der bereits vermutet hatte, dass der Tod seiner zweiten Frau sowie das Viehsterben auf seinem Hofgut das Werk von Hexen sein müsse, wurde vom Heftricher Pfarrer Wicht in seinem Fanatismus bestärkt. Dies zeigt zugleich eine Besonderheit der Idsteiner Hexenverfolgungen: Anders als in den meisten anderen Städten ging der Hexenwahn hier nicht von der Bevölkerung aus, sondern von dem Regenten. 

Abschließend möchte sich die Schulgemeinde wie üblich bei Frau Stemmer, der Initiatorin des Lesefests Rheingau-Taunus, bedanken, die diese an Authentizität schwerlich zu überbietende Lesung ermöglicht hat.

Lothar Wiesemann