„Eine ganze Generation von Schriftstellern wurde aus dem Gedächtnis getilgt“

Rezitator Gerd Berghofer rief Eltviller Gymnasiasten Werke verfemter Schriftsteller ins Gedächtnis / Nationalsozialisten sahen in Bücherverbrennung eine „Aktion wider den undeutschen Geist“

Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 im Rahmen ihrer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zahllose Werke bekannter jüdischer und liberaler Autoren dem Feuer übergaben, wagte einer der verfemten Literaten das Unfassbare. Erich Kästner begab sich an den Ort des Geschehens, um mit eigenen Augen das barbarische Treiben zu verfolgen. Eingekeilt von Studenten in SA-Uniformen wurde er Zeuge, wie neben den eigenen Werken u.a. die Schriften von Bert Brecht, Heinrich Mann und Else Lasker-Schüler den Flammen übergeben wurden. Später beschrieb er die Bücherverbrennung als „theatralische Frechheit“.

Welche Folgen die öffentliche Verfemung für die betroffenen Schriftsteller hatte, beleuchtete der Rezitator Gerd Berghofer anlässlich eines neuerlichen Besuchs am Gymnasium Eltville. Die Oberstufenschüler der Jahrgangsstufe Q 2 waren ganz Ohr, als der gebürtige Nürnberger ihnen Einblicke in die Lebenswege diverser Autoren gab, deren Namen heute nur noch Interessierten geläufig sind. Vier davon seien an dieser Stelle kurz hervorgehoben. Sie legen stellvertretend für viele weitere Zeugnis davon ab, dass „eine ganze Generation von Schriftstellern aus dem Gedächtnis getilgt wurde“ (Berghofer).

Der Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) hatte sich bereits als Schüler mit dem kaiserlichen Obrigkeitsstaat angelegt, weil er die alljährliche Sedansfeier an seiner Schule kritisch kommentiert hatte. Dies brachte ihm den Schulverweis ein. Im „Dritten Reich“ entwickelte er sich rasch zu einem der literarischen Antagonisten des Regimes. Propagandaminister Goebbels sah in ihm „das rote Judenaas“, das „krepieren“ müsse. Am Vorabend seiner geplanten Flucht wurde er von den Nazis gefangen genommen und ins KZ Oranienburg gebracht. Dort wurde Mühsam von seinen Bewachern, ehemaligen Freikorpsmitgliedern, systematisch gefoltert und schließlich ermordet.

Im Gegensatz zu Mühsams Werken, die direkt verboten wurden, waren die Schriften Oskar Maria Grafs (1894-1967) zunächst bis auf wenige Ausnahmen erlaubt. Dies erboste den leidenschaftlichen Antifaschisten dermaßen, dass er am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung folgenden Aufruf veröffentlichte: „Verbrennt mich! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“

Geradezu selbstmörderisch mutet die Tat des Schriftstellers Armin T. Wegner (1886-1978) an. Er schrieb im April 1933 einen Brief an den neuen Reichskanzler Hitler, in dem er ihn mahnte, die Judenverfolgung rasch zu beenden: „Schützen Sie Deutschland, indem Sie die Juden schützen! Wahren Sie die Würde des deutschen Volkes!“, appellierte er an Hitler. Kurz nach der Veröffentlichung dieses Briefes kam er ins KZ.

Abschließend erinnerte Berghofer an Else Lasker-Schüler (1869-1945). Die deutsch-jüdische Lyrikerin hatte 1932 den Kleist-Preis erhalten und musste im April 1933 in die Schweiz fliehen, nachdem sie auf offener Straße mit einer Eisenstange bedroht worden war. Da sie dort lediglich eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhielt, floh sie schließlich nach Palästina, wo sie 1945 starb.

Die Oberstufenschüler bedachten Gerd Berghofers Ausführungen abschließend mit einem herzlichen Applaus. Als Veranstalter bedankt sich die Schulgemeinde recht herzlich bei der Georg Müller-Stiftung und der Eltviller Mediathek, die den Besuch von Herrn Berghofer gesponsert haben.


Lothar Wiesemann