Zeitzeugen

Beeindruckende Veranstaltung für Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Eltville mit dem Zeitzeugen Zoni Weisz

Um Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, einen bedeutenden Zeitzeugen aus der Zeit des III. Reiches zu erleben, kooperierte das Gymnasium Eltville, unterstützt vom Förderverein unserer Schule, mit der Evangelischen Kirchengemeinde. Zahlreiche interessierte Schülerinnen und Schüler fanden sich am 2. Februar 2012 in der Erbacher Johanneskirche ein und hörten im Rahmen des Triangelis-Forums einen beeindruckenden Zeitzeugenbericht des Holocaust-Überlebenden Zoni Weisz.

Als niederländischer Sinto wurde Zoni Weisz 1937 in Den Haag geboren. Nach der Eroberung durch Nazi-Deutschland wurden neben den Juden auch die niederländischen Sinti und Roma in Arbeits- oder Vernichtungslager deportiert. Zoni Weisz gelang zusammen mit einigen Angehörigen als siebenjährigem Jungen beim Abtransport seiner Familie auf einem Bahnhof die Flucht, indem er auf einen vom Nachbargleis abfahrenden Personenzug aufsprang. Während seine Eltern nicht flüchten konnten und in Vernichtungslagern umgebracht wurden, begann für den jungen Zoni Weisz nun eine Zeit der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Eindrucksvoll berichtete er, wie sich die Entkommenen in Wäldern, auf Bauernhöfen und in verlassenen Fabrikanlagen versteckten. Sie harrten hinter Milchtanks aus, vor denen Soldaten marschierten, und ein hörbares Atmen oder ein unbedachtes Geräusch hätte ihr Ende bedeutet. Noch heute hört er das Stampfen der Soldatenstiefel, noch immer stehen ihm die schrecklichen Erlebnisse vor Augen, als seien sie gerade geschehen. Eine geflüchtete Verwandte war schwanger; sie gebar ihr Kind im Wald, in einer Kuhle, die sie auf die Schnelle mit Zweigen und Laub ausgelegt hatten. Der Hunger plagte sie; sie legten sich in den Ställen unter die Kühe und tranken die Milch aus den Zitzen und versorgten sich, wie es nur ging, mit dem Nötigsten.

Zoni Weisz erzählte auch von seiner Zeit nach dem Ende des Krieges und der Nazi-Diktatur. Er wurde Gärtner und studierte später Garten- und Landschaftsarchitektur und auch Kunstgeschichte. Er übernahm ein Blumengeschäft und wurde zu einem der führenden holländischen Floristen. Lebhaft schilderte er, wie er großartige Blumenarrangements für Königin Beatrix und für die Hochzeit des holländischen Thronfolgers vor genau zehn Jahren gestaltete.

Zur Aufgabe aber hat es sich Zoni Weisz gemacht, die Erinnerung an die Verfolgung an Jugendliche weiterzugeben; vor allem aber möchte er den neben der Ermordung der europäischen Juden fast vergessenen Völkermord an den Sinti und Roma, seines Volkes, ins Bewusstsein rufen und die Erinnerung daran wachhalten. Mit besonderer Sorge beschäftigt ihn – „Geschichte wiederholt sich“, so sagte er zu den Zuhörern –, dass die Minderheitenrechte selbst in den der EU angehörenden Staaten Osteuropas nicht umfänglich geachtet werden; diese Länder seien der kommunistischen Diktatur entkommen und hätten die Freiheit erlangt, aber nun werden dort gerade die Sinti und Roma erneut verfolgt. So endete sein Vortrag mit dem flammenden Appell, wie wichtig die eigene Bildung sei und wie notwendig es sei, auch Minderheiten das Recht auf Bildung zu gewähren und vor allem ständig für die Menschenrechte einzutreten, auch in Europa.

Ob er Hass auf die Deutschen empfinde, so hieß es in einer von vielen Nachfragen, die Schülerinnen und Schüler ihm stellten. Nein, denn schuldig seien nur diejenigen geworden, die den Nationalsozialismus und seinen Rassismus unterstützten. Auch andere Minderheiten und alle Oppositionellen seien Opfer geworden. Und auch diese Botschaft bezog er auf die Gegenwart, indem er darauf verwies, wie wichtig es immer wieder für uns alle sei, den anderen seine Meinung vertreten zu lassen, sie anzuhören und zu respektieren, sich gegen Diskriminierung zu stellen und Toleranz zu üben.

Für unser Gymnasium war dies ein weiterer Höhepunkt im Rahmen unserer Zeitzeugenveranstaltungen, nachdem in den letzten Schuljahren bereits Anneliese Knoop-Graf, die Schwester des der „Weißen Rose“ angehörenden Widerstandskämpfers Willi Graf, und Sally Perel, der heute in Israel lebende und als „Hitlerjunge Salomon“ berühmt gewordene Holocaust-Überlebende, zu Gast in der Schule waren und im Atrium von ihren Erlebnissen berichteten.

(Michael Burow)



Bilder:

  1. Zoni Weisz während seines Vortrags

  2. Die von Schülerinnen und Schülern bis auf den letzten Platz besetzte Johanneskirche

  3. Schülerinnen und Schüler mit Zoni Weisz nach seinem Vortrag