Die Schatten der Vergangenheit bleiben lebendig

 22.9.2011


Autor Christian Tielmann besuchte die Einführungsphase / Ziel: DDR-Vergangenheit aufarbeiten


Für viele Zeitgenossen scheint die DDR ganz weit weg zu sein. Und es stimmt ja auch, dass sich der 9. November 1989 - dieser sagenhafte Tag, an dem die Berliner Mauer fiel - in nicht einmal zwei Monaten bereits zum 22. Male jährt. Für Christian Tielmann, den Autor des im letzten Jahr bei Thienemann erschienenen Romans "Spürst du die Angst?", ist dies freilich erst recht ein Ansporn, gerade jungen Menschen diese Zeit näher zu bringen, damit sie nicht dem Vergessen preisgegeben wird. An einem Donnerstagnachmittag Ende September kamen die Schülerinnen und Schüler der Einführungsphase in den Genuss, einige Kostroben aus seinem Roman zu erhalten.


Dass Tielmanns Geschichte die jüngere deutsche Vergangenheit thematisiert, gehört zu den zahlreichen überraschenden Wendungen, die sein Roman nimmt. Dies passt zu dem Credo des Kölners, der viele Fragen aufwerfen möchte und zugeich gut damit leben kann, dass diese nicht alle beantwortet werden. Zunächst geht es nämlich nicht um die Stasi, sondern um einen Schüler namens Nils, der fast verrückt vor Sorge wird, weil seine Freundin Amelie nicht wie verabredet am gemeinsamen Treffpunkt erscheint, um mit ihm ins Kino zu gehen. Stattdessen stellt sich heraus, dass sie entführt worden ist. Mit der Hilfe des Sensationsjournalisten Patrick Hugemann macht sich Nils auf die Suche nach Hinweisen, die ihn auf die Spur des Täters führen könnten. Dass seine gewonnenen Erkenntnisse ihn schließlich in die ehemalige Stasi-Zentrale nach Berlin führen, ist ebenso überraschend wie der Hinweis, dass auch Menschen in seiner engeren Umgebung durchaus ein Interesse daran haben, ihre Vergangenheit im "Arbeiter- und Bauernstaat" zu vertuschen.


Angesichts des spannenden Plots war es nicht verwunderlich, dass Tielmann auch nach seiner Lesung noch mit Fragen gelöchert wurde. Der promovierte Philosoph erzählte, wie er durch den Besuch eines Stasigefängnisses auf die Idee kam, einen Roman über deren Umtriebe zu schreiben und welche Freude es ihm bereitet, nach dem Ende der DDR durch das Brandenburger Tor zu spazieren. Für ihn ist es zum Friedenssymbol geworden.



Zum Abschluss der Lesung dankte Lothar Wiesemann, verantwortlicher Lehrer für die Leseförderung am Gymnasium Eltville, neben dem Autor Christian Tielmann der Organisatorin des Rheingauer Lesefests, Sabine Stemmler. Seit mittlerweile über drei Jahren steht sie der Schule tatkräftig zur Seite, wenn es darum geht, interessante Autoren für Lesungen zu finden. Der Nachmittag mit Christian Tielmann ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass ihr dies immer wieder aufs Neue gelingt.



Lothar Wiesemann