Vom gefeierten Dramatiker zum heimatlosen Exilanten

Gerd Berghofer rezitierte aus Brechts Werken / Gelungene Abiturvorbereitung für Jahrgangsstufe Q 3


Fast genau ein Jahr nach seinem ersten Besuch war der Schriftsteller und Rezitator Gerd Berghofer erneut am Gymnasium Eltville zu Gast. Im Rahmen einer Doppelstunde gelang es ihm, der Jahrgangsstufe Q 3 Leben und Werk des Dramatikers Bertolt Brecht (1898-1956) näher zu bringen.


Bereits während seiner Schulzeit am Königlichen Realgymnasium zu Augsburg zeigte sich Brechts poetisches Talent. So gab er 1913 eine Schülerzeitung heraus, die den Titel „Die Ernte“ trug. Im gleichen Jahr notierte er in sein Tagebuch: „Ich muss immer dichten.“ Dass er in der Wilhelminischen Ära bereits früh zu den kritischen Geistern zählte, bewies er in einem Aufsatz. Dort sollte er das Horaz-Zitat „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“ nach Möglichkeit wohlwollend kommentieren. Doch der junge Brecht schrieb, dies sei reine „Zweckpropaganda“, auf die nur „Hohlköpfe“ hereinfallen würden. Lediglich dem Einsatz seines Religionslehrers hatte er es zu verdanken, dass er daraufhin nicht der Schule verwiesen wurde.

Nach diesem eindrucksvollen Einstieg in Brechts Lebenslauf verdeutlichte Berghofer den angehenden Abiturienten, wie der gebürtige Augsburger in der jungen Weimarer Republik zu einem der bedeutendsten deutschen Dramatiker aufstieg. Nachdem er 1922 den Kleist-Preis erhalten hatte, feierte er mit der von Kurt Weill vertonten „Dreigroschenoper“ Ende August 1928 den wohl größten Theatererfolg der Weimarer Zeit. Berghofer ließ es sich nicht nehmen, den Schülern daraus die Moritat von Mackie Messer vorzutragen. Anschaulich erläuterte er seinem Publikum, dass es Brecht mit seinem „epischen Theater“ darum gegangen sei, den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken und Hinterfragen anzuregen. Zu diesem Zweck habe er das Spiel absichtlich „verfremdet“, um es als Schauspiel gegenüber dem wirklichen Leben erkennbar zu machen.

Seit 1930 hatte Brecht damit zu kämpfen, dass die Nationalsozialisten seine Aufführungen systematisch störten. Durch seinen Freund Walter Mehring gewarnt, konnte er einen Tag nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 Deutschland rechtzeitig verlassen, ehe ihn die Nationalsozialisten wie geplant verhaften konnten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris verbrachte er die Zeit zwischen 1933 und 1938 im dänischen Svendborg, wo u.a. „Das Leben des Galilei“ und die „Mutter Courage“ erschienen.

Seit 1941 hielt sich Brecht im kalifornischen Santa Monica auf. Doch seine Hoffnung, im Filmgeschäft als erfolgreicher Drehbuchautor arbeiten zu können, erfüllte sich nicht. Bis 1947 erhielt er, der vom FBI wegen seiner kommunistischen Haltung nicht aus den Augen gelassen wurde, lediglich einen Auftrag für ein Drehbuch. Nachdem ihn der „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ 1947 ins Visier genommen hatte, entschloss sich Brecht zur Ausreise. Da er in Westdeutschland aufgrund seiner kommunistischen Haltung nicht erwünscht war, ging er 1948 nach Ostberlin, wo ihm Wolfgang Langhoff am Deutschen Theater die Möglichkeit eröffnete, einige seiner Stücke zu inszenieren.

Doch auch in der DDR wurde der Dramatiker nicht glücklich. Ekelte ihn in den USA die „kapitalistische Hölle“, so peinigte ihn nun der Allmachtsanspruch der deutschen Kommunisten. Die SED versuchte, ihn nachhaltig für ihre propagandistischen Zwecke zu instrumentalisieren, so auch anlässlich des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953. Brecht fühlte sich durch die Machthaber gedemütigt, weil diese seine Haltung zu den Streiks verkürzt – und damit in ihrem Sinne - wiedergegeben hätten. Berghofer sah in dem Verhalten Brechts gegenüber dem Arbeiteraufstand eine „ambivalente Haltung“, die diesen in der Öffentlichkeit nachhaltig diskreditiert habe. Dies hinderte ihn nicht daran, seinen Lebensabend in Ostberlin zu verbringen, wo er am 14. August 1956 an den Folgen eines Herzinfarkts starb.

In der sich anschließenden Fragerunde gab Berghofer preis, warum er sich gerne mit dem Leben und Werk Brechts beschäftigt: „Brechts Texte sind einfach zeitlos. Ich habe nicht den Eindruck, als ob die Menschheit viel dazulernen würde.“

Der Abiturjahrgang bedankte sich für Berghofers Rezitationen mit einem ausgiebigen Applaus. Auch im Hinblick auf das anstehende Landesabitur, das u.a. Brechts Lyrik als Schwerpunktthema vorsieht, handelte es sich sicherlich um eine äußerst gelungene Vorbereitung.

Lothar Wiesemann